Gesundheit 2022: Carolin Kotke bekam mit 29 die Diagnose Brustkrebs

Gesundheit 2022: Carolin Kotke bekam mit 29 die Diagnose Brustkrebs

Carolin Kotke ist gerade mal 29 Jahre alt, als sie die Diagnose BRUSTKREBS bekommt. Für sie beginnt ein harter Kampf ums Überleben, aus dem sie als neuer, gestärkter Mensch hervorgeht. Hier erzählt sie uns davon...

Protokoll: Franziska Sempell

Carolin Kotke
© Georg Verhasselt
Heute versucht Carolin Kotke anderen Frauen mit der Diagone Brustkrebs Mut zu machen

„DAS PASST MIR JA GERADE GAR NICHT!“, war mein erster Gedanke, als ich mit 29 Jahren die Diagnose Brustkrebs bekam. Ich hatte gerade einen neuen Job in einem Start-up angefangen, war sowieso schon super gestresst und sollte mich jetzt auch noch mit einer Krankheit auseinandersetzen? Nö! Nö! Nö! Dass ich diese anfängliche Verdrängungsstrategie nicht lange durchziehen konnte und der Brustkrebs ab jetzt mein ganzes Leben verändern sollte, war mir zu diesem Zeitpunkt noch absolut nicht bewusst.

Aber von vorn: Ich war gerade auf einer Geschäftsreise und stand vor meinem Hotelzimmerspiegel, als ich einen komischen kleinen Knubbel in meiner Brust bemerkte. Ich hatte meinen Freund am Handy, erzählte ihm beiläufig davon und vergaß die Auffälligkeit auch gleich wieder. Skeptisch wurde ich erst, als der kleine Knubbel einen Monat später immer noch da war und nun auch langsam anfing zu schmerzen. Und trotzdem: Wer glaubt denn schon in so einem Moment daran, dass es sich hierbei um eine tödliche Krankheit handeln könnte? Ich war 29 und topfit! Erst einen Monat später ging ich auf Drängen meines Freundes und mit ultra schlechtem Gewissen meinem neuen Arbeitgeber gegenüber zum Arzt. Es wurde ein Ultraschall bei mir gemacht, und ich bekam direkt für den nächsten Tag einen Termin für eine Mammografie .

Rückblickend hätte ich an dieser schon skeptisch werden müssen, wartet man doch sonst ewig auf diese Termine. Aber mein Verdrängungsmechanismus hielt sich wacker. Erst als der Radiologe bei der Mammografie meine Mutter mit ins Sprechzimmer bat, wurde mir bewusst, dass es ernster ist, als ich dachte. "Bösartiger Tumor", "schnell wachsend" und "Chemo" schnappte ich in diesem Gespräch noch auf, bevor ich in Panik verfiel. Was heißt das jetzt für mich? Wie lange falle ich bei der Arbeit aus? Und – oh Gott – ich bin ja noch in der Probezeit, wird mir gekündigt?

Nur kurze Zeit später, als in meinem Kopf noch totales Chaos herrschte, begann auch schon die Chemotherapie. Eine kräftezehrende Zeit, in der mir nacheinander die Kopfhaare, die Wimpern und die Augenbrauen ausfielen. Gleichzeitig wurde ich immer dünner und dünner, konnte nichts im Magen behalten, denn klar – die Chemo tötet alles Schlechte, aber eben auch alles Gute in dir. Der morgendliche Blick in den Spiegel war irgendwann unerträglich für mich. Es klingt banal, aber wenn man sich so unschön fühlt, dann macht das was mit einem – es führt einem den Kontrollverlust wortwörtlich vor Augen. Auch die Mimik verändert sich total. Mein Freund nannte mich in dieser Zeit scherzhaft "Nacktmull", und damit hatte er auch recht.

Trotzdem war Aufgeben nie eine Option für mich, und ich wusste, dass ich mich dieser Sache jetzt einfach stellen muss. Ich rasierte mir dann die Haare ab und kaufte zwei Perücken. Das tat sehr gut, weil sie mir ein Stück Normalität zurückgegeben haben. Auch die Fürsorge von meinen Liebsten gab mir viel Kraft, und ich dachte schon: "Ja, bald hab ich’s geschafft, bald sind die sechs Monate Chemo vorbei." Dann kam der nächste Tiefpunkt. Der Krebs war nach der Chemo noch da, und in den Lymphknoten hatten sich Metastasen gebildet. Diese Nachricht riss mir den Boden unter den Füßen weg. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich an dieser Krankheit wirklich sterben könnte. Gleichzeitig war dies aber auch der Moment, in dem ich mir vornahm, dass ich mein ganzes Leben ändern werde, wenn ich das hier überstehe.

Und so kam es dann auch. Ich bekam eine Bestrahlung, startete mit einer Anti- Hormontherapie und beendete ein paar Monate später erfolgreich die Therapie. Ich hatte es geschafft, der Krebs war besiegt.

Allerdings wurde festgestellt, dass ich die BRCA1-Genmutation habe, welche auch Schauspielerin Angelina Jolie hat. Damit liegt die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken, bei 72 Prozent und die von Eierstockkrebs bei etwa 42 Prozent. Deshalb entschied ich mich dazu, mir zunächst beide Brüste und später auch die Eierstöcke entfernen zu lassen. Besonders Letzteres war eine sehr schwere Entscheidung, da ich mir hiermit auch die Möglichkeit nahm, jemals eigene Kinder in die Welt zu setzen. Aber das Risiko, nochmals an Brustkrebs zu erkranken, war mir einfach zu hoch.

Heute muss ich sagen, dass ich sogar ein Stück weit dankbar für meine Krankheit bin. Ich habe meinen Job gekündigt, bin aufs Land nach Bayern gezogen und habe mich mit meiner Leidenschaft selbstständig gemacht. Ich arbeite als Brustkrebs-Aktivistin und Ernährungsberaterin, habe dieses Jahr sogar mein eigenes Buch herausgebracht. Außerdem habe ich einen Instagram-Kanal (@carolinkotke) und einen Blog (carolionk.com) aufgebaut, auf dem ich meine Geschichte teile und anderen Betroffenen Mut mache und die Menschen für einen gesünderen und bewussteren Lebensstil motiviere. Auf Insta rufe ich auch am Anfang eines jeden Monats meine Follower dazu auf, ihre Brüste abzutasten. Ich finde dieses Ritual schön, weil man damit eine Verbindung zu sich selbst herstellt und ein besseres Bewusstsein für seinen Körper bekommt. Manchmal kriege ich sogar Nachrichten von Frauen, die dank meines Aufrufs frühzeitig einen Knoten in ihrer Brust entdeckt haben. Anderen Menschen nun mit meiner Arbeit helfen und so vielleicht sogar Leben retten zu können, ist für mich das Schönste überhaupt.

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