"Wir geben den Frauen ihre Würde zurück!"

"Wir geben den Frauen ihre Würde zurück!"

Erschreckende Berichte zeigen: Die Zahl der Opfer von Genitalverstümmelung hat zugenommen. Auch bei uns in Deutschland. Was im Kampf gegen die grausame Tradition getan werden muss und wie man betroffenen Frauen helfen kann, erklärt Oberärztin Dr. Cornelia Strunz im Gespräch mit GRAZIA.

Text: Franziska Sempell

Triggerwarnung: Dieser Text thematisiert Genitalverstümmelung und -beschneidung bei Mädchen und Frauen.

Es geht um ein Thema, das auch tabuisiert wird, weil es so unendlich grausam und intim ist: Die weibliche Genitalverstümmelung (englisch female genital mutilation, kurz FGM). Dabei sind nach aktuellen Angaben der WHO weltweit 250 Millionen Frauen betroffen, 75.000 davon alleine in Deutschland. Durch Zuwanderung aus Ländern wie Somalia, Indonesien, Ägypten und dem Irak ist die Zahl in den letzten Jahren enorm gestiegen.

Bei den betroffenen Mädchen werden im Alter von drei bis dreizehn Jahren die äußeren Genitalien, sprich äußere und innere Schamlippen sowie die Klitoris teilweise oder ganz mit Hilfe von nicht sterilen Klingen oder Glasscherben entfernt und der Rest eng zusammengenäht. Übrig bleibt meist nur eine winzige Öffnung, durch die Menstruationsblut und Urin abfließen sollen. Dass dieser Eingriff tödlich endet, ist keine Seltenheit. Zehn Prozent der Opfer sterben an den akuten Folgen, wie hohem Blutverlust und Infektionen, 25 Prozent an langfristigen Komplikationen der Beschneidung. Und diejenigen, die es überleben? Die haben ihr Leben lang mit körperlichen Beschwerden, wie unsäglichen Schmerzen beim Urinieren – aber vor allem auch mit schweren Traumata zu kämpfen.

Hilfsangebote gibt es für die betroffenen Frauen kaum, gerade hier in Deutschland kennen sich nur wenige Ärzte mit der Thematik aus – Gynäkologen sind beim Anblick einer beschnittenen Vagina oft erschrocken und völlig überfordert, was eher dazu führt, dass seelische Wunden wieder aufgerissen werden. Eine Ausnahme bildet das Desert Flower Center im Krankenhaus Waldfriede in Berlin – seit September 2013 bietet es unter der Schirmherrschaft von Model und Autorin Waris Dirie ("Die Wüstenblume") beschnittenen Frauen medizinische und psychosoziale Hilfe. Anlässlich des internationalen Tages gegen Genitalverstümmelung am 6. Februar sprachen wir mit Dr. Cornelia Strunz, der Oberärztin des Centers, über das Thema ...

Dr. Cornelia Strunz mit den ersten beiden Patientinnen, die 2013 im Desert Flower Center operiert wurden (©Privat)

1. Frau Strunz, warum wird diese furcht- bare Praxis durchgeführt?

Dr. Cornelia Strunz: Es ist ein allgemeiner Irrglaube, dass die Praxis religiöse Hintergründe hat. Es sind uralte traditionelle Gründe. In vielen Ländern ist eine Beschneidung eine notwendige Voraussetzung für eine Heirat, die Frau soll vor ihrer Ehe keinen Geschlechtsverkehr haben. Es soll auch zu einer Hemmung der weiblichen Lust führen, den Mädchen wird erzählt, dass die Klitoris ein böser Stachel ist, der immer weiterwächst, wenn man ihn nicht abschneidet, aber auch Reinheitsaspekte spielen eine Rolle.

2. Das heißt die Frauen werden erst beim ersten Geschlechtsverkehr wieder aufgeschnitten?

Wenn es gut läuft, ja. Vielen Männern ist das aber zu umständlich und sie penetrieren das kleine Loch so lange, bis es reißt. Schlimmer noch: Nach dem Geschlechtsakt werden die Mädchen oft wieder zugenäht, ohne dass über eine möglicherweise stattgefundene Befruchtung nachgedacht wird. Wenn diese Frauen dann ihr Kind zur Welt bringen, kann im Beckenbodenbereich alles aufreißen, sodass er vernarbt oder sich schlimmstenfalls Fisteln bilden. In dem Fall kann es passieren, dass über die Vagina auch Stuhl oder Urin verloren wird. Furchtbar.

3. Inwiefern können Sie im Desert Flower Center diese Frauen unterstützen?

Wir bieten den betroffenen Frauen ein ganzheitliches Behandlungskonzept aus Gesprächstherapien und medizinischer Betreuung an.

4. Wie können wir uns so eine Gesprächstherapie vorstellen?

Meist bin ich die erste Person, mit denen die Frauen je über das Erlebte reden. Dementsprechend viel Feingefühl und Geduld werden von mir verlangt. Ich hatte mal eine junge Frau aus Bayern bei mir in der Sprechstunde, die komplett zugenäht war und große Schmerzen hatte. Ich habe ihr erklärt, dass wir ihr mit einer Operation helfen können, aber sie hatte riesige Angst davor, dass im Falle einer Abschiebung jemand in ihrem Heimatland Wind von der OP bekäme. In dem Fall drohe ihr die Todesstrafe. Da hat es einiges an Überzeugungsarbeit gebraucht – ich musste ihr erst einmal erklären, dass ich der ärztlichen Schweigepflicht unterlegen bin. Aber klar, die Frauen stellen sich durch eine Operation indirekt gegen ihre Community und die eigene Tradition.

5. Und was wird bei der OP gemacht?

Die Operationen werden von Herrn Dr. Uwe von Fritschen, dem Chefarzt der Plastischen Chirurgie am Helios Klinikum Emil von Behring, durchgeführt. Er macht die Rekonstruktion der Klitoris und der Schamlippen. Die Klitoris ist circa zehn Zentimeter lang, bei der Beschneidung wird der äußere sichtbare Anteil entfernt und bei der OP wird der restliche Anteil so weit nach vorne geholt, dass er auch wieder eine Empfindung bekommen kann. Außerdem wird schmerzhaftes Narbengewebe abgetragen und es kann eine Rekonstruktion der Schamlippen mit Hilfe einer Lappenplastik erfolgen, bei der Gewebe von der Leiste für die Wiederherstellung der Vulva verwendet wird. Ziel der OP ist, dass sich die Frauen wieder in ihrem Körper wohlfühlen und Sekrete besser abfließen können. Letztendlich wollen wir den Frauen ihre Würde zurückgeben.

6. Wie erleben Sie die Frauen nach der OP?

Unendlich dankbar. Ich selbst bin im OP-Saal auch dabei. Erst neulich hörten wir einen Aufschrei von einer frisch operierten Frau aus der Toilette. Ich hatte schon Sorge, dass sie Schmerzen hat, aber sie jauchzte nur "Conny, das geht so schnell, es tut gar nicht weh!". Andere fallen mir schluchzend in die Arme und rufen: "Ich bin eine Frau, ich bin eine Frau!". Das sind natürlich sehr ergreifende Momente, die mich in meiner Tätigkeit bestärken. Die Frauen, die wir behandeln, versichern mir auch, dass sie ihre eigenen Kinder vor der Beschneidung schützen werden, das freut mich sehr.

7. Wie finanzieren Sie die Behandlung?

Wenn die Frau krankenversichert ist, dann zahlt ihre Krankenkasse, bei allen anderen sind wir auf Spenden angewiesen.

8. In Deutschland ist Genitalverstümmelung seit 2013 eine Straftat...

Das ist richtig, aber ich kann Ihnen sagen, dass ich noch keine einzige betroffene Frau kennengelernt habe, die zur Polizei gegangen ist. Es ist leider ein großes Tabuthema und die Frauen haben viel zu viel Respekt vor ihrer Familie.

9. Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Natürlich muss das Problem an der Wurzel gepackt werden: Hierfür muss es weiter aus dem Tabubereich geholt und viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Dazu gehört auch, dass weltweit jedem Kind eine Schulausbildung ermöglicht wird. Dann sollte man den professionellen Beschneiderinnen, die die Praxis oft durchführen, einen neuen Job anbieten. Hierzulande plädiere ich dafür, die Thematik in das Medizinstudium aufzunehmen, aber auch bereits tätige Gynäkologen diesbezüglich fortzubilden.

IHRE SPENDE HILFT: Förderverein Krankenhaus Waldfriede e.V., Bankverbindung: DKB Bank, IBAN: DE24120300001020145015, BIC: BYLA- DEM1001, Stichwort: Desert Flower Center

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